Archiv für Juli 2015

Das Deutschland-Syndrom

oder: Wo bleibt die Rebellion?

Ausgangslage:

  • Hartz4-Empfänger werden von den Behörden unter Druck gesetzt, erpresst, aber sie zeigen sind solidarisch mit den Behörden, rebellieren nicht und gehen nicht auf die Strasse.

  • Zeitarbeiter werden von Ihrem Arbeitgeber unterdrückt, ausgebeutet aber wie wehren sich nicht, sonderen argumentieren für den Arbeitgeber.

  • Frauen werden von ihren Männer geschlagen, aber wehren sich nicht.

  • Arbeiter werden schlecht bezahlt, wehren sich nicht sondern übernehmen sogar die Argumente der Arbeitgeber.

Wie kommt das? Wo bleibt die Rebellion in Deutschland?

Erklärungsversuch 1: Identifikation mit dem Aggressor/Angreifer

In der Tiefenpsychologie bezeichnet man diese Abwehrreaktion als „Identifikation mit dem Aggressor/Angreifer“. Sie dient zur Angstbewältigung. Hier identifiziert sich eine Person, die von einem Aggressor körperlich und/oder emotional misshandelt oder unterdrückt wird, unbewusst mit ihm.

Die Person verinnerlicht und übernimmt dabei ohne ihr bewusstes Wissen und oft gegen ihren bewussten Willen Persönlichkeitseigenschaften, Werte und Verhaltensweisen des Aggressors und macht sie zu Anteilen ihres Selbst. Sie dient dem Schutz des eigenen psychischen Systems und hat den Charakter einer „letzten Notbremse“ vor einem drohenden Zusammenbruch des Selbst angesichts überwältigender Attacken und nicht integrierbarer Affekte. Psychisch von hoher Bedeutung, um hilfsweise die Funktionsfähigkeit des Selbst aufrechtzuerhalten, wirken die Folgen der Identifikation mit einem Aggressor sich tatsächlich jedoch in hohem Maße schädigend auf die seelische Integrität und das Wohlergehen des Selbst aus, da die Entwicklung persönlicher Autonomie unterdrückt wird.

Aufgedeckt und ggf. aufgehoben werden kann eine solche Identifikation im Zuge einer analytischen Psychotherapie, die traumaorientiert vorgeht. Die Erkenntnis und Aufhebung der Identifikation mit einem Aggressor ist die Voraussetzung dafür, die eigenen Gewalterfahrungen nicht unbewusst und somit auch unwillentlich weiterzugeben.

Erklärungsversuch 2: Das Stockholm-Syndrom


Ebenso wie beim Stockholm-Syndrom die Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen, bauen in der Wirtschaftswelt unterdrückte ein positives Verhältnis zu ihrem Unterdrücker auf.

Wie beim Stockholm-Syndrom sympathisieren und kooporerieren das Opfer mit den Tätern.

Das Syndrom mag unverständlich erscheinen. Die Ursachen:

In erster Linie manifestiert sich die Wahrnehmungsverzerrung, die zum Stockholm-Syndrom führt, darin, dass die subjektive Wahrnehmung der Geisel nur einen Teil der Gesamtsituation erfassen kann. Das Opfer erlebt eine Zurückhaltung der Einsatzkräfte vor Ort, es fühlt sich mit zunehmender Dauer der Entführung allein gelassen. Dagegen wird das Agieren der Geiselnehmer überproportional wahrgenommen, schon kleinste Zugeständnisse (das Anbieten von Nahrung, auf die Toilette gehen lassen oder Lockern von Fesselungen) werden als große Erleichterungen empfunden. Das Opfer erlebt eine Situation, in der es ausschließlich „Gutes“ von den Geiselnehmern erfährt. Es kommt zu der für Außenstehende subjektiv nicht nachvollziehbaren Folge, dass ein Opfer mehr Sympathie für seine Peiniger empfindet als für die rettenden Einsatzkräfte.

Ebenso erfahren ökonomisch Unterdrückte keine Unterstützung durch die möglichen Retter aus Politik, den Medien und der Gesellschaft, fühlen sich allein gelassen. Kleinste Zugeständnisse wie eine minimal selbst bestimmte Arbeitszeit werden als große Erleichterung empfunden.

Täter werden sich Opfern gegenüber oftmals wohlwollend verhalten, weil sie die Opfer als Vermögenswerte ansehen oder um eine Eskalation der Situation zu vermeiden. Hieraus kann eine emotionale Bindung und Dankbarkeit von Opfern gegenüber Tätern entstehen.

Der maximale Kontrollverlust bei einer Geiselnahme ist nur schwer zu verkraften. Erträglicher wird dies, wenn sich das Opfer einredet, es sei zum Teil auch sein Wille, beispielsweise, da es sich mit den Motiven der Entführer identifiziert.

Ebenso wird es in der Arbeitswelt erträglicher, wenn man sich einredet, man habe seinen eigenen Willen und man identifiziert sich mit seinem Arbeitgeber.

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